© by Sabina Fudulakos

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Gast.Wirt.Schaft 

(Kurzgeschichte, erschienen in der in der Anthologie zum Forum Land Literaturwettbewerb 2015, av Verlag)

 

Im Wirtshaus habe ich ihn zum ersten Mal gesehen. Dort gehen wir sonst nie hin, meine Schwester und ich. Wir kochen immer selbst. Ausgehen, das kommt bei uns so gut wie gar nicht vor. Das an dem Tag war eine Ausnahme. Wie ich gesagt habe, dass ich gehen will, hat die Bernadette zuerst versucht, mich davon abzuhalten. Zum Gespött der Leute würde ich mich machen, hat sie gesagt, ich alleine, eine alte Jungfer unter all den Alkoholikern dort.

Das Geräusch in der Speisekammer hat uns dann aber doch aus dem Haus getrieben. Das Scharren hat der Bernadette nämlich auch Angst gemacht. In der Früh, beim Kaffeetrinken, haben wir es gehört und uns dann den ganzen Vormittag über nicht mehr reingetraut, in die Speis. Wie sie den Hunger nicht mehr ausgehalten hat, ist sie aber doch mitgekommen, die Bernadette.

 

Wir haben uns in die Ecke gesetzt, dort, wo das Kruzifix schräg von der Wand herunterhängt.

Wie der Fremde reingekommen ist, hat mich sein Anblick sofort in den Bann gezogen. Groß ist er gewesen. Hat sich gleich an den Tisch neben dem unseren gezwängt, unter dem Eberkopf, das Gesicht direkt vis á vis von mir. Statt auf die Karte hat er der Wirtin ungeniert in den Ausschnitt gestarrt, und dann hat er bestellt, ohne nachzudenken.

Die Bernadette hat in ihrem Salat herumgestochert, als wäre sie beim Leichenschmaus, während er seine Knödel zerhackt, mit Rotkraut gemischt und über alles die Preiselbeeren gegossen hat. Sein Gansl hat er mit beiden Händen gepackt – ich habe gestaunt, wie kräftig sie waren – und seine Zähne in die Haut der Keule geschlagen. Als sie geplatzt ist, hat er aufgestöhnt. Mir ist ein Schauer über den Rücken gelaufen. In ganzen Fetzen hat er das Fleisch von den Knochen gerissen und Knödel und Kraut mit dem Löffel hinterher gestopft. Zugemacht hat er seinen Mund zuerst einmal gar nicht, nur reingestopft, ohne zu schlucken, und immer neue Bissen nachgeschoben. Mit seiner rosigen Zunge hat er umgerührt in den Brocken, wie unser Nachbar in der Mischmaschine. Und irgendwann hat er endlich sein Krügel am Henkel gefasst und angesetzt und alles auf einen Satz runtergespült, den ganzen Brei, wie nichts. Dann hat er das leere Glas auf den Tisch geknallt und sich mit dem nackten Arm über den Mund gewischt.

„Wirtin!“, hat er gebrüllt. „Geh, bring mir noch ein Bier!“

Nachdem er gerülpst hat, hat er seine Arbeit gleich wieder aufgenommen, dass das Fett nur so gespritzt ist. Gierig gestopft, gerissen und gespuckt, geschmatzt und getunkt hat er.

Ich hab vor Aufregung fast meinen Apfelsaft verschüttet, wie ich davon genippt habe. Sonst habe ich kaum etwas zu mir genommen, nur geschaut habe ich, und wie ich so geschaut habe, habe ich mir vorgestellt, statt neben Bernadette, die wie angetrocknet dagesessen ist und  teilnahmslos an ihrem Hühnerknochen genagt hat, an seinem Tisch zu sitzen, und so wie er mit ihm schamlos zu essen und zu essen und zu …. essen.

„Wo schaust denn hin?“, hat sie auf einmal gesagt, die Bernadette.  

„Ich?“, hab ich gesagt. „Nirgends“, hab ich gesagt. „Ins Narrenkastl hab ich geschaut.“

Da hat sie sich auf einmal umgedreht, nach dem Fremden.

„Da kann einem ja schlecht werden“, hat sie gesagt.

Mir ist aber alles andere als schlecht gewesen: mir war heiß. Ich bin aufgestanden und zur Toilette gegangen, direkt an ihm vorbei. Dort habe ich kaltes Wasser über meine Handgelenke fließen lassen und ein wenig davon in meinen Nacken und in mein Gesicht gespritzt. Ob ich ihm wohl noch gefallen würde, habe ich mich gefragt, als ich in den Spiegel geschaut habe, als Frau?

Draußen, auf dem Gang, ist er plötzlich vor mir gestanden.

„Sagen Sie, wieso starren Sie mich eigentlich die ganze Zeit schon so an?“, hat er mich gerade heraus gefragt.

„Wer, ich? Ich habe Sie angestarrt? Wie kommen Sie denn darauf?“, habe ich gesagt.

„Na, glauben Sie ich merke das nicht? Die ganze Zeit über gaffen Sie mich schon an. Ich bin doch nicht blind.“

Mir ist anders geworden. Am Ende wird der noch rabiat, habe ich gedacht. Mein Kleid ist zu rot. Das reizt ihn. Ich hätte das Schwarze anziehen sollen.

Er ist noch einen Schritt näher an mich heran getreten, und da ist mit einem Mal die Angst in mir wieder aufgetaucht. Das Scharren und Trippeln in unserer Speisekammer, das wir in der Früh gehört hatten und das Einmachglas, das mit einem lauten Krachen am Steinboden zerschellt war, sind mir wieder eingefallen. Ich hab nur noch raus gewollt, aber er hat mir den Weg verstellt. Vor mir dieses Lackl von einem Mann, links die Wand und rechts nur die Treppe, die in den Keller geführt hat. Ich habe einmal tief Luft geholt, aber das hat auch nichts genutzt.

„Das ist ein Missverständnis“, habe ich schließlich gesagt, um auch was zu sagen. „Ich hab nur an die Ratten bei uns in der Speis gedacht, wie ich so geschaut habe.“

 „An die … Ratten?“

„Ja, bei uns zuhause, in der Speisekammer. Meine Schwester und ich, wir haben sie scharren und trippeln gehört und dann haben wir uns nicht mehr reingetraut. Deswegen sind wir ja da.“

Er hat seinen Kopf etwas zur Seite geneigt und mich angeschaut.

„Ich hab mich gefragt, ob Sie uns nicht behilflich sein könnten, so ein g´standenes Mannsbild wie Sie.“

Er hat seine Augen zusammen gekniffen. Als ob er kurzsichtig wäre, hat das ausgesehen. Oder als ob er mir nicht geglaubt hätte. Oder vielleicht auch so, als ob er nicht gewusst hätte, was ich meine.

Festlegen wollte er sich jedenfalls nicht.

„Ach so“, hat er nur gesagt. „Naja, vielleicht. Schauen wir mal.“

Dann hat er sich umgedreht und ist wieder reingegangen, in die Gaststube.

„Die Straße runter, das letzte Haus nach dem Stadl“, habe ich noch leise gesagt.

 

Als er schließlich vor unserem Gartenzaun gestanden ist, ist es draußen schon finster geworden. Die Bernadette hat ihn zuerst gesehen. Den ganzen Nachmittag über hatte sie mir schon die Leviten gelesen.

„Wie blöd kann man sein, so einem zu sagen, wo man wohnt!“, hatte sie gesagt. „Hast du dir den angeschaut? Träumst du immer noch von der großen Liebe? Jetzt geh schon raus! Schick ihn weg, bevor er reinkommt!“

 

Am Ende ist mir selbst nicht mehr wohl gewesen.

 

 „Tut mir leid, dass ich so spät komme“, hat er gesagt.

So direkt vor unserer Gartentür hat er noch größer ausgeschaut als im Wirtshaus. Ich habe gespürt, wie die Augen von der Bernadette sich in meinen Rücken gebohrt haben, vom Fenster aus.

„Der lacht dich doch auch nur aus. So wie dich immer alle ausgelacht haben“, hatte sie gesagt, als ich rausgegangen war. Wird schon recht gehabt haben, die Bernadette. Wie immer.

 

„Seien Sie mir nicht böse, aber vergessen wir die ganze Sache“, habe ich zu dem Fremden gesagt und ihm meine Hand hingestreckt. Ein bisschen geärgert habe ich mich wegen dem Schlamassel, in den ich mich da gebracht hatte.

Er hat kurz gezögert, aber am Schluss hat er eingeschlagen. Wie ein schmelzender Eiswürfel ist meine Hand in seiner Riesenpranke gelegen.

 

Wir haben die Sache vergessen, und er ist ohne Widerwort gegangen. Da habe ich erst gemerkt, wie ich gezittert habe. Ich bin am Gartenzaun stehengeblieben und habe ihm nachgeschaut, bis er in der Dunkelheit verschwunden ist.

Erst dann bin ich rein ins Haus, mit schlotternden Knien, zur Bernadette.

 

Eines wundert mich aber heute noch: das Scharren und Trippeln in unserer Speis, das haben wir seit dem Tag kein einziges Mal mehr gehört.

Wo wollen Sie denn hin?

 (Kurzgeschichte (Auszug), erschienen in &radieschen 48, 2018)

Die erste Beichte vor der heiligen Erstkommunion, und was sagte sie? Herr. Immer sagte sie Herr. Nicht Herr Pfarrer. Herr. Die Henrietta, dieser ungezogene Fratz, das Kind vom Bürgermeister.

„Das ist meine erste Beichte, Herr.“

Erstaunlich, wie so eine fiepende Mäusestimme nachhallen kann im Kopf, dachte Pater Johannes, der  alles viel klarer hörte, seit er nicht mehr trank. Was nicht immer von Vorteil war. Aber das Schlimmste hatte er hinter sich. Er war schon sehr viel ruhiger als er es zum Beispiel am Freitag gewesen war. Nüchtern hätte ihn das vor einer Woche noch fertiggemacht, dieses Herr von der Henrietta. Da hätte er sie angebrüllt und sich im Anschluss daran gleich einen kräftigen Schluck vom Messwein genehmigt. Für solche Notfälle hatte er immer eine Flasche im Beichtstuhl dabei gehabt. Die Zeiten waren vorbei. Seit Donnerstag hatte er keinen Tropfen mehr angerührt. Einfach Schluss gemacht hatte er. Ja, so lange hielt er das schon durch.

...

So recht

(Kurzgeschichte (Auszug), erschienen in Reibeisen Nr. 36, 2019)

An dem Tag, an dem Angelika merkte, dass ihre Schwester leider immer und mit allem was sie je gesagt hatte, recht gehabt hatte, trat sie in einer einfachen Pension in der Siebensterngasse an die Rezeption, um nach einem freien Zimmer zu fragen. Sie hatte sehr lange darüber nachgedacht, welche Unterkunft wohl die geeignetste für ihren Plan wäre. Zunächst war sie die Kärntner Straße und die Ringstraße rauf- und wieder runtergelaufen. Sie hatte die Portiere vor den großen, teuren Hotels, dem Marriott und dem Hilton verglichen, und im Ritz sogar gefragt, ob sie eines der Zimmer sehen dürfe, worauf der Herr an der Rezeption, ein sehr ungehobelter, glatzköpfiger Grobian, unwirsch reagiert hatte, da er morgens zu spät aufgestanden und daher seinen Morgenkaffee im Café verpasst hatte. Angelika hatte sein frecher Ton verunsichert. Zwar spielten weder die Lage noch der Preis oder die Ausstattung des Quartiers eine Rolle für sie, da sie nicht vorhatte, beziehungsweise gar nicht in der Lage war, für die Nächtigung zu bezahlen, so dass es auch das Ritz oder Hilton sein hätte können, aber beleidigt werden, das ertrug sie, gerade in ihrer jetzigen Situation, nachdem ihr bewusst geworden war, dass ihre Schwester immer recht gehabt hatte, gar nicht.

...

Morgens um sieben

Kurzgeschichte (Auszug), erschienen in "Die Rampe"

Ich zog den Stauschlauch über dem rechten Ellbogen der Frau fest und vermied es, ihr in die Augen zu sehen. Mir war klar, dass sie mich hasste. Das taten sie alle, die Patienten auf dieser Station, und bis zu einem gewissen Grad beruhte das auf Gegenseitigkeit. Nach dreiundzwanzig Stunden Dienst war ich für die negativen Schwingungen, die von all den Todgeweihten ausging, besonders empfänglich. Es war aber nicht meine Schuld, dass sie Krebs hatten und ich nicht. „Machen Sie eine Faust“, sagte ich. In ihrem fortgeschrittenen Krankheitsstadium hätte die Frau eigentlich ohne Aufforderung wissen sollen, was sie zu tun hatte, wenn ich stechen kam. Ich nahm einen blauen Venflon vom Spritzenwagen - die dünnste Sorte - und schälte ihn aus seiner Verpackung. Nummer 27 zählte ich leise für mich mit. Aufgequollen, kalt und übersät von Blutergüssen lag der Arm auf der Bettdecke. So wie er aussah, musste ich froh sein, wenn ich überhaupt einen Zugang schaffte. Mein Dienstpager piepste. Ich meldete mich per Telefon. Die Schwester sprach hastig, als wäre ihr ganzes Leben ein Dauernotfall. Die Blutkonserve des Patienten, der einen Stock höher lag und in der Nacht um ein Haar über den Jordan marschiert wäre, tropfe nicht. Halt endlich die Klappe, du Quälgeist, dachte ich. 

„Ich komme gleich rauf“, sagte ich.